Es ist das älteste in unserem Archiv bewahrte Dokument: ein »Schutzpocken-Impfungs-Zeugniß« von Arnold Schönberg vom Frühjahr 1876. Ausgestellt in Wien, oft an wechselnde Wohnorte in Europa und den USA spediert, rund 120 Jahre nach dem Impfdatum mit dem Nachlass des Komponisten nach Wien zurückkehrt.

Wien, im Juni 1876: Arnold Schönberg, 22 Monate alt, wohnhaft in Wien, II. Bezirk, Theresiengasse 5 (heute: Adambergergasse), wird – möglicherweise von Mutter Pauline – in die rund 5 Gehminuten entfernte Ordination des Arztes Ferdinand Dietl in der Unteren Augartenstraße 3 gebracht, wo er »mit Schutzpockenstoffe geimpfet« wird. Er übersteht »die echten Schutzpocken« laut Bestätigung vom 7. Juni 1876 »ordentlich«.

Dr. Dietl hatte bereits 1873 für seine »eifrige Thätigkeit« und sein »ersprießliches Wirken zu Gunsten der Schutzpockenimpfung« von der Niederösterreichischen Statthalterei eine Belobigung erhalten, wie die »Wiener Zeitung« am 19. August 1873 berichtete. Die seit Ende des 18. Jahrhunderts durch den englischen Landarzt Edward Jenner propagierte Übertragung von Kuhpocken (Vakzination, lat. vacca: Kuh) wurde in Niederösterreich bereits 1799 erprobt und 1800 in der ersten Massenimpfung angewandt.

1872 erreichte Wien in Folge des deutsch-französischen Krieges eine Pockenepidemie, die zu einer intensivierten Diskussion über die Impfflicht führte. Das 1874 in Deutschland erlassene Impfgesetz, demnach jedes Kind vor dem Ablauf des auf sein Geburtsjahr folgenden Kalenderjahres der Pockenschutzimpfung unterzogen werden sollte, fand in Österreich keine entsprechende Durchsetzung. Impfzwanggegner-Vereine, Vereine impfgegnerischer Ärzte und Juristen sowie die Etablierung einschlägiger Zeitschriften im deutschen Sprachraum trugen zu einer anhaltenden Verunsicherung der Menschen bei. Erst 1898 wurde die verpflichtende Schutzpockenimpfung für Schulkinder in Wien eingeführt. Arnold Schönbergs Eltern Pauline und Samuel bewiesen bereits 1876 Weitblick.